85 Jahre "Tag von Potsdam" - Frieden schaffen ohne Waffen!

Mit alten Chorälen mit zum Teil neuen Texten, mit den „Moorsoldaten“, 1933 im KZ Bürgermoor geschrieben, mit einem aserbaidschanischen Friedenslied und Musik von Kurt Weill und Bertolt Brecht, mit Geige, Bratsche, Cello und Querflöte blockierten am 21. März 2018 Musizierende des Musik- und Aktionsnetzwerkes „Lebenslaute“ um 10 Uhr die Baustelle, um gegen den Neubau der Potsdamer Garnisonkirche zu protestieren.

Am 21. März 1933 fand in der Potsdamer Garnisonkirche ein Staatsakt vor der konstituierenden Sitzung des Reichstages statt. Die Kirche, Symbol des preußischen Militarismus, wurde ganz bewusst als Ort gewählt, um das angebliche Zusammenkommen von „alter Größe und junger Kraft“ im sog. „Nationalsozialismus“ darzustellen.

85 Jahre nach diesem Propaganda-Ereignis und 50 Jahre nachdem die Ruine der Kirche gesprengt wurde, soll der Turm in alter Gestalt neu errichtet werden – als wäre nie etwas gewesen.

An diesem Ort wurde Krieg gepredigt, hier wurden Beutetrophäen aufgestellt. Diese Kirche entwickelte sich in der Weimarer Republik nicht umsonst zum Wallfahrtsort der erstarkenden Rechten. Im 2. Weltkrieg wurde sie zerstört und die Ruine, die vielleicht noch ein symbolisch passendes Mahnmal gewesen wäre, wurde 1968 gesprengt.

Während offiziell von einem „Versöhnungszentrum“ die Rede ist, ist in der Stiftung die Militärseelsorge der Bundeswehr beteiligt. Das Bauvorhaben schmückt sich mit den Worten „Frieden“ und „Verantwortung“, doch mit diesen Worten werden immer öfter deutsche Kriegseinsätze gerechtfertigt. Es zeichnet sich ab, dass an diesem Ort in neuer Form stattfinden wird, was früher schon hier stattfand: Krieg wird als notwendig erklärt und der Waffeneinsatz zum Mittel der Wahl erhoben.

Zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts wollen die NATO-Staaten in Zukunft für „Verteidigung“ ausgeben – wirklich Verantwortung übernehmen hieße, stattdessen zwei Prozent des BIP für zivile Konfliktlösungen zu investieren!

„Ein Mahnmal für Frieden und Versöhnung sollte nicht im Gewand einer barocken Kriegskirche erbaut, und ein Versöhnungszentrum nicht von der Militärseelsorge betrieben werden.“, sagt Armin, Bass-Sänger bei „Lebenslaute“. „Umso mehr, wo doch ein erfolgreiches Bürgerbegehren und mehrere Abstimmungen im Rahmen des Potsdamer Bürgerhaushaltes eindeutig gezeigt haben, dass die Stadtbevölkerung den Bau in dieser Form mehrheitlich ablehnt.“

Nachdem die weit mehr als 30 Jahre währende Spendensammlung nicht ansatzweise gereicht hat, um den Bau zu finanzieren, konnte der Baustart nur durch die Unterstützung der evangelischen Kirche mit mehr als 4,5 Millionen Euro und 12 Millionen Euro aus Bundesmitteln umgesetzt werden – und dennoch reichen die Gelder bisher allenfalls für eine Rohbau-Variante. Auch dies ist ein deutliches Zeichen, dass dieses Vorhaben überdimensioniert und verfehlt ist und in dieser Form aufgegeben werden sollte.

Seit 1986 verbindet Lebenslaute klassische Musik mit Zivilem Ungehorsam. Das 2014 mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnete, bundesweite Netzwerk von Musiker*innen zwischen 16 und 83 Jahren führt klassische Musik dort auf, wo sie nicht erwartet wird, u.a. auf Militärübungsplätzen, vor Atomfabriken und auf Abschiebeflughäfen. Ihre Konzerte suchen die politische Konfrontation gerade dort, wo unter Berufung auf Gesetze Unrecht geschieht.

ZU POTSDAM UNTER DEN EICHEN
(Text: Bertolt Brecht / Musik: Kurt Weill)

Zu Potsdam unter den Eichen
Im hellen Mittag ein Zug
Vorn eine Trommel und hinten eine Fahn‘
In der Mitte einen Sarg man trug.

Zu Potsdam unter den Eichen
Im hundertjährigen Staub
Da trugen sechse einen Sarg
Mit Helm und Eichenlaub

Und auf dem Sarge mit Mennigerot
Da war geschrieben ein Reim
Die Buchstaben sahen häßlich aus:
"Jedem Krieger sein Helm!"

Das war zum Angedenken
An manchen toten Mann
Geboren in der Heimat
Gefallen am Chemin des Dames.

Gekrochen einst mit Herz und Hand
Dem Vaterland auf den Leim
Belohnt mit dem Sarge vom Vaterland:
Jedem Krieger sein Heim!

So zogen sie durch Potsdam
Für den Mann vom Chemin des Dames
Da kam die grüne Polizei
Und haute sie zusamm‘.

In Potsdam aktiv ist die Bürgerinitiative Für ein Potsdam ohne Garnisonkirche:

www.ohne-garnisonkirche.de

Bericht in der Märkischen Allgemeinen Zeitung:

http://www.maz-online.de/Lokales/Potsdam/Protest-gegen-Wiederaufbau-der-Garnisonkirche2

Bericht in den Potsdamer Neuesten Nachrichten:

http://www.pnn.de/potsdam/1268893/

Ausführlicher Bericht bei „RBB Aktuell“ vom 21.03.2018, 16:00 Uhr (gekürzte Versionen wurden auch um 13:00 Uhr und in den Nachrichten von „Brandenburg aktuell“ um 19:30 Uhr gesendet):